Es war ein Abend zwischen Erleichterung, ehrlicher Aufarbeitung und vorsichtigem Aufbruch: Unter dem Titel „GERETTET? Architektur in Wuppertal – Gemeinsam Zukunft formulieren“ kamen am 29. April im Großen Hörsaal am Campus Haspel Vertreterinnen und Vertreter aus Hochschule, Berufsstand, Politik und Studierendenschaft zusammen, um über die Zukunft der Architekturausbildung an der Bergischen Universität Wuppertal zu sprechen. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von WDR-Journalist Wolfram Lumpe.
Schon das Fragezeichen im Titel machte deutlich: Die Rettung des Studiengangs ist ein großer Erfolg – aber kein Schlusspunkt. Nach Monaten intensiver Diskussionen, öffentlicher Appelle und vieler Gespräche steht fest, dass Wuppertal Standort einer kammerfähigen Architekturausbildung bleibt. Zugleich wurde an diesem Abend spürbar, dass die vergangenen Monate Spuren hinterlassen haben. Vertrauen muss neu aufgebaut, Verletzungen müssen geheilt und Strukturen innerhalb der Fakultät neu geordnet werden.
Wolfram Lumpe ordnete zu Beginn die Entwicklung ein: Im Herbst 2025 hatte die geplante Abwicklung der eigenständigen Lehreinheit Architektur erhebliche Verunsicherung ausgelöst. Was zunächst wie das mögliche Ende eines traditionsreichen Studiengangs wirkte, entwickelte sich durch den Einsatz vieler Beteiligter zu einem breiten Bündnis für den Erhalt. Berufsverbände, Baukammern, Studierende, Lehrende, Politik, Stadtgesellschaft und regionale Wirtschaft machten deutlich, dass Architektur in Wuppertal mehr ist als ein Studienangebot: Sie ist Teil der regionalen Wertschöpfung und der dringend benötigten Transformation des Bauens.
Auf dem Podium wurde diese Breite sichtbar. Katja Domschky, Präsidentin der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, Helge Lindh, Mitglied des Deutschen Bundestags, die Studierenden Anouk Hedemann und Anton von der Heyden, Prof. Holger Hoffmann für den Fachbereich Architektur, Prof. Dr. Arndt Goldack für das Bauingenieurwesen, Prof. Dr. Susanne Buch als Prorektorin für Studium und Lehre, Michael Müller für den BDA Wuppertal sowie Friederike Proff als stellvertretende Landesvorsitzende des BDB.NRW diskutierten über den Weg aus der Krise und die nächsten Schritte.
In den Eingangsstatements überwog die gemeinsame Einsicht, dass der Blick nun nach vorn gerichtet werden muss. Die Zukunft der Architektur in Wuppertal soll nicht als Minimallösung verstanden werden, sondern als Chance zur Profilbildung. Immer wieder wurde auf die besonderen Stärken des Standorts verwiesen: Nachhaltigkeit, Bestandstransformation, Digitalisierung, ressourcenschonendes Bauen und die Verbindung von architektonischer Gestaltung mit ingenieurwissenschaftlicher Kompetenz. Genau hier kann Wuppertal ein eigenständiges, weithin sichtbares Profil entwickeln.
Gleichzeitig blieb die Diskussion nicht unkritisch. Vor allem die Studierenden machten deutlich, dass sie weiterhin mehr Transparenz erwarten. Dass das neue Konzept für den Studiengang noch nicht umfassend vorgestellt wurde, stieß auf Unverständnis. Gerade diejenigen, die unmittelbar von Umstrukturierungen betroffen sind, benötigen Verlässlichkeit, nachvollziehbare Informationen und eine klare Perspektive. Ihr Beitrag war eine wichtige Mahnung: Eine Studiengangsentwicklung kann nur dann gelingen, wenn sie die Studierenden nicht nur adressiert, sondern aktiv einbindet.
Auch innerhalb der Fakultät liegt noch Arbeit vor den Beteiligten. Die Zusammenführung von Architektur, Bauingenieurwesen und weiteren Schnittstellen darf nicht als bloße Sparlogik erscheinen, sondern muss fachlich überzeugend und integrativ gestaltet werden. Hier wurde deutlich, dass Gräben überwunden werden müssen. Für den BDB ist dieser Punkt besonders wichtig: Als Berufsverband, der Architektinnen, Architekten, Ingenieurinnen und Ingenieure gemeinsam vertritt, gehört die gelebte Verbindung der Disziplinen zur eigenen DNA. Gerade deshalb kann der BDB glaubwürdig dafür werben, Zusammenarbeit nicht als Verlust, sondern als Zukunftsaufgabe zu verstehen.
Ein zentrales Thema des Abends war zudem die Qualitätssicherung. Wenn die kammerfähige Architekturausbildung dauerhaft gesichert und zugleich wissenschaftlich weiterentwickelt werden soll, braucht es verlässliche Ressourcen. In der Diskussion wurde deutlich, dass Stiftungsprofessuren eine Schlüsselrolle spielen können. Sie können helfen, jene Leuchtturmthemen weiter auszubauen, die den Standort Wuppertal bereits heute prägen: resiliente Bestandstransformation, klima- und ressourcengerechtes Bauen, digitale Planungsprozesse und eine Architektur, die gesellschaftliche Verantwortung übernimmt.
Hier ist auch die regionale Wirtschaft gefragt. Wer in Zukunft gute Planung, nachhaltige Quartiersentwicklung, bezahlbaren Wohnraum, klimagerechte Sanierung und starke Innenstädte erwartet, braucht qualifizierten Nachwuchs und wissenschaftliche Kompetenz vor Ort. Die Rettung der Architekturausbildung ist deshalb nicht allein eine hochschulpolitische Entscheidung, sondern eine Investition in die Zukunftsfähigkeit der gesamten Region. Unternehmen, Wohnungswirtschaft und Stiftungen können nun zeigen, dass sie diese Zukunft aktiv mittragen.
Besonders deutlich wurde an diesem Abend aber auch, welche Kraft Berufsverbände entfalten können. Die Initiative zur Rettung ging maßgeblich von BDA und BDB aus. Gemeinsam gelang es, ein Bündnis zu organisieren, das weit über die Fachöffentlichkeit hinausreichte. Friederike Proff machte deutlich: Berufsverbände sind nicht nur Netzwerke für die Zeit nach dem Studium. Sie sind politische Interessenvertretungen, fachliche Stimme und solidarische Struktur zugleich. Sie können dort Druck erzeugen, wo einzelne Stimmen allein zu leicht überhört werden.
Am Ende stand kein triumphaler Schlussakkord, sondern ein realistischer Aufbruch. Die Architekturausbildung in Wuppertal ist gerettet. Nun kommt es darauf an, aus dieser Rettung ein starkes Konzept zu machen. Die Beteiligten haben die Chance, aus einer konfliktreichen Phase ein zukunftsweisendes Modell zu entwickeln: interdisziplinär, kammerfähig, nachhaltig und offen für die Anforderungen der Bauwende.
Wuppertal hat gezeigt, was möglich ist, wenn Hochschule, Berufsstand, Politik, Studierende, Stadtgesellschaft und Wirtschaft gemeinsam Verantwortung übernehmen. Jetzt gilt es, diesen Geist in tragfähige Strukturen zu übersetzen. Die Frage des Abends lautete „Gerettet?“ Die Antwort lautet: Ja – wenn alle Beteiligten den begonnenen Weg mit derselben Entschlossenheit weitergehen.