Der traditionelle Baupolitische Feierabend setzte den Ton für zwei Tage, in denen sich zeigte, dass Baupolitik immer auch Gesellschaftspolitik ist: Wer über Standards, Verfahren und Paragrafen spricht, verhandelt am Ende Lebensrealitäten.
Im Düsseldorfer Kolpingsaal trafen sich Architekt*innen, Ingenieur*innen, Verwaltung und Landespolitik zu einer Diskussion, die weniger von Talkshow-Reflexen lebte als von der Frage: Wo genau hakt es – und was lässt sich gemeinsam lösen? Auf dem Podium standen für den BDB.NRW Jörg Friemel (Landesvorsitzender) und Friederike Proff (stellvertretende Landesvorsitzende). Mit ihnen diskutierten die baupolitischen Sprecherinnen und Sprecher der Landtagsfraktionen: Jochen Ritter (CDU), Arndt Klocke (Bündnis 90/Grüne), Sebastian Watermeier (SPD) und Angela Freimuth (FDP).
Mit Cornelia Zuschke, Beigeordnete der Landeshauptstadt Düsseldorf, war zudem die kommunale Perspektive prominent vertreten. Moderiert wurde der Abend von der WDR-Journalistin Edda Dammmüller, deren präzise Fragen spürbar auf den Nerv der Debatte zielten – weniger „Wer hat recht?“, mehr „Was funktioniert – und warum nicht?“.
In der Diskussion ging es um zentrale, aktuelle baupolitische Themen: Gebäudetyp E, Beschleunigung von Genehmigungsverfahren, Effizienz und Hürdenabbau, Digitalisierung, Wohnungsbau – und nicht zuletzt die sogenannte „Oldtimerregelung“, die Modernisierungen im Bestand erleichtern soll.
Der gemeinsame Nenner war schnell benannt: Bauen (und das möglichst im Bestand) muss schneller und einfacher werden, wenn die Ballungsräume nicht noch weiter in die Wohnraumknappheit kippen sollen. „Wohnungsbau“ erschien an diesem Abend nicht als Branchenthema, sondern als gesamtgesellschaftliche Aufgabe – eine Formulierung, die sowohl auf dem Podium als auch im Saal mehrfach anklingt. Dass dazu funktionierende Netzwerke gehören, war einer der zentralen Befunde: Politik, Verwaltung und Planerschaft müssen weniger übereinander sprechen und konsequenter miteinander – gerade dort, wo Verfahren, Zuständigkeiten und Haftungsfragen zu Reibungsverlusten führen.
Digitale Bauanträge gelten als Schlüssel, um Genehmigungen zu beschleunigen – theoretisch. Praktisch, so berichteten es zahlreiche Stimmen, frisst die Gegenwart noch zu oft die Zukunft: fehlende Einheitlichkeit, Medienbrüche, redundantes Hochladen, und mancherorts der absurde Umweg über Ausdrucke, Stempel und Scans. Dabei ist die Richtung politisch längst gesetzt: In NRW ist mit Bauportal.NRW eine zentrale Anlaufstelle für Informationen und die digitale Antragstellung geschaffen. Die Debatte machte jedoch deutlich: Ein Portal allein ist noch kein durchdigitalisierter Prozess. Ohne verbindliche Standards, interoperable Workflows und konsequente Akzeptanz in den Behörden bleibt „digital“ schnell nur eine zusätzliche Schicht – und damit das Gegenteil von Beschleunigung.
Besonders viel Zustimmung erhielt der Fokus auf das Bauen im Bestand. Während bundesweit weiterhin im Schnitt rund 50 ha pro Tag als Siedlungs- und Verkehrsfläche neu ausgewiesen werden (BMUKN), stehen zugleich fast zwei Mio. Wohnungen leer. Das macht deutlich, dass zusätzliche Kapazitäten vielfach bereits vorhanden sind – entscheidend ist, sie zu aktivieren und sinnvoll weiterzuentwickeln.
Wenn Wohnraum dringend gebraucht wird, liegen Potenziale daher nicht auf der grünen Wiese, sondern in Dachgeschossen, Umnutzungen, Aufstockungen und Umstrukturierungen. Genau hier setzt die Diskussion um Erleichterungen an – ebenso wie die Idee einer „Oldtimerregelung“, die Modernisierung und Ertüchtigung von Altbauten vereinfachen soll, damit Investitionen wieder attraktiver werden. Sicherheit und Bausubstanz sind nicht verhandelbar – wohl aber Komfortstandards, Übererfüllungen und die Frage, ob jedes Detail rechtlich so festgezurrt sein muss, dass Innovation zur Haftungsfalle wird. Wer Verfahren beschleunigt, braucht klare Leitplanken – und wer Gesetze zu häufig ändert, erzeugt Unsicherheit in der Anwendung. Dass diese Verlässlichkeit im Alltag oft an fehlenden oder verspäteten Verwaltungsvorschriften, unklaren Auslegungen und uneinheitlichen Vollzügen scheitert, wurde als reales Problem benannt.
Einen zusätzlichen Akzent setzte das Grußwort von Daniel Sieveke, Staatssekretär im Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes NRW. Sein Auftritt per Videobotschaft unterstrich, dass Beschleunigung politisch gewollt ist – aber vor Ort und im Zusammenspiel der Akteure erst wirksam wird.
Am Ende stand kein künstlicher Konsens, sondern ein belastbarer Befund: Heiß diskutieren und sich trotzdem verstehen – weil die Herausforderungen nur gemeinsam zu lösen sind. Und weil man den Diskurs nicht nur führen, sondern dranbleiben muss.
Beim anschließenden Begrüßungsabend im PM 5 setzte sich die Diskussion in anderer Tonlage fort: weniger Podium, mehr Gespräch; weniger Position, mehr Erfahrungsaustausch. Die Atmosphäre: offen, lebendig, gut gelaunt – und gerade deshalb produktiv. Wo am Nachmittag Verfahren und Paragrafen im Mittelpunkt standen, ging es am Abend um das, was Verbände stark macht: Begegnung, Netzwerke, die geteilte Praxis.
Im Rahmen des Abends nahm BDB-Präsident Christoph Schild Ehrungen vor – wie gewohnt charmant und mit sicherem Gespür für die passenden Worte.
Der zweite Tag stand im Zeichen der berufspolitischen Arbeit: strukturelle Fragen, Gremienarbeit, Kontinuität und Erneuerung. Bei den Wahlen wurden neu gewählt oder im Amt bestätigt:
Was diese Landesverbandstagung 2025 in Düsseldorf getragen hat, war weniger die Illusion schneller Lösungen als die Ernsthaftigkeit des Austauschs. Der Baupolitische Feierabend zeigte: Zwischen Planenden, Verwaltung und Politik gibt es genügend Reibung – aber auch genügend gemeinsame Ziele, um die Reibung produktiv zu machen. Wenn die Schaffung von Wohnraum, der Bestandserhalt, Digitalisierung und Genehmigungsbeschleunigung tatsächlich vorankommen sollen, braucht es genau diese Haltung: kontrovers bleiben, verständigungsfähig bleiben – und gemeinsam dranbleiben.
Fotos: Matthias Ramahi