Am 29. Mai 2026 erhielten die Teilnehmenden einer rund zweistündigen Fachveranstaltung Einblicke in eines der derzeit bedeutendsten Hochschulbauprojekte Sachsens: den GLOBAL HUB der Universität Leipzig am Wilhelm-Leuschner-Platz.
Durch die Veranstaltung führten Prof. Ansgar Schulz und Elisa Thänert von Schulz und Schulz Architekten sowie Dr.-Ing. Matthias Stengler von Mathes Beratende Ingenieure. Häufig wurde dabei auch auf die Rolle des Bauherrnvertreters Ingo Fischer vom Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) Bezug genommen, dessen pragmatischer Leitsatz „Lasst uns unseren Verstand benutzen“ mehrfach als Sinnbild für die Projektentwicklung genannt wurde.
Zu Beginn erläuterte Prof. Ansgar Schulz die wissenschaftliche Idee hinter dem Gebäude. Der GLOBAL HUB ist nicht lediglich ein Universitätsgebäude, sondern die bauliche Heimat eines internationalen Forschungszentrums, das sich mit globalen gesellschaftlichen Entwicklungen beschäftigt. Beispielhaft wurden Forschungsprojekte zu historischen und sozialen Verflechtungen wie dem sogenannten transatlantischen Sklavendreieck zwischen Europa, Afrika und Amerika genannt.
Die Finanzierung des Forschungsauftrags erfolgt über umfangreiche Fördermittel der Europäischen Union sowie Eigenmittel des Freistaates Sachsen. Während ein Teil dieser Mittel in wissenschaftliche Programme und Personalkosten fließt, bildet der Neubau des GLOBAL HUB die räumliche Grundlage für die langfristige Forschungstätigkeit.
Bemerkenswert ist dabei die Projektkonstellation: Die Grundstücke befanden sich teilweise im Eigentum der Stadt Leipzig und teilweise im Eigentum des Freistaates Sachsen. Durch entsprechende Grundstücks- und Rechteübertragungen konnten die Voraussetzungen für die Realisierung des Bauvorhabens geschaffen werden. Die Baukosten werden dabei ausschließlich durch EU-Fördermittel und den Freistaat Sachsen getragen. Weder die Stadt Leipzig noch die Universität Leipzig beteiligen sich unmittelbar an der Finanzierung des Gebäudes.
Der GLOBAL HUB besetzt eine Schlüsselposition innerhalb der Entwicklung des Wilhelm-Leuschner-Platzes. Schulz und Schulz verfolgen dabei keinen spektakulären Solitärgedanken, sondern reagieren präzise auf die stadträumliche Situation.
Das Gebäude orientiert sich zum südlich angrenzenden Grünraum und formuliert gleichzeitig einen klaren Abschluss dieses Freiraums. Richtung Wilhelm-Leuschner-Platz entsteht eine offene und einladende Fassadenstruktur, die den öffentlichen Charakter des Gebäudes unterstreicht.
Besondere Aufmerksamkeit galt der bewusst ausgebildeten Fuge zwischen GLOBAL HUB und der benachbarten Markthalle. Diese setzt sich durch eine reduzierte Zweigeschossigkeit deutlich vom Hauptbaukörper ab und hält zugleich die städtebauliche Option einer zukünftigen Stadthalle offen. Während viele Gebäude den Platz adressieren, bildet der GLOBAL HUB gewissermaßen dessen zukünftige Rückseite aus und schafft damit eine neue räumliche Orientierung innerhalb des Entwicklungsgebiets.
Der Haupteingang wird durch ein Zurückweichen des Baukörpers markiert. Die entstehende Vorzone schafft einen Vorhof, der den Übergang zwischen öffentlichem Stadtraum und Gebäude vermittelt und gleichzeitig die Aufenthaltsqualität für Fußgänger verbessert.
Im Verlauf der Planung zeigte sich, dass die ursprünglich vorgesehenen Büroräume mit rund 18 Quadratmetern den Anforderungen moderner Forschungseinrichtungen nicht vollständig gerecht werden. In enger Abstimmung zwischen Architekten und Bauherrschaft wurde das Raumprogramm weiterentwickelt und um größere Arbeits- und Kommunikationsbereiche ergänzt.
Der GLOBAL HUB reagiert damit auf veränderte Arbeitsformen in Forschung und Wissenschaft. Nicht mehr das Einzelbüro steht im Mittelpunkt, sondern die Förderung von Austausch, Interaktion und interdisziplinärer Zusammenarbeit.
Ein wesentlicher Schwerpunkt des Vortrags lag auf der Tragwerksplanung und der Umsetzung des Holz-Hybridkonzeptes.
Obwohl ein Holzbau im Wettbewerb nicht ausdrücklich gefordert war, entsprach die Konstruktion den Nachhaltigkeitszielen des Projekts. Allerdings zeigte sich früh, dass die ursprünglich zulässige Traufhöhe von 22 Metern die gewünschte Konstruktion erheblich eingeschränkt hätte. Erst durch die Erhöhung auf 23,80 Meter konnte die geplante Holz-Hybridlösung wirtschaftlich und technisch sinnvoll umgesetzt werden.
Das Tragwerk kombiniert massive Bauteile in den unteren Geschossen mit einem darüberliegenden Holz-Beton-Hybridsystem. Die unteren Ebenen wurden überwiegend in Stahlbeton ausgeführt und übernehmen die hohen Lasten sowie die Aussteifung des Gebäudes. Darüber folgt eine weitgehend sichtbare Holzkonstruktion, die bewusst Teil des architektonischen Ausdrucks ist.
Dabei wurde deutlich, dass die Leistungsfähigkeit moderner Holztragwerke weniger durch die Tragfähigkeit der Holzquerschnitte begrenzt wird als durch die konstruktive Ausbildung der Verbindungen. Diese Erkenntnis erinnert stark an den Betonfertigteilbau, bei dem ebenfalls die Anschlusspunkte häufig die entscheidenden Bemessungsgrößen darstellen.
Mehrfach betonten die Referenten, dass industrielle Vorfertigung eine deutlich frühere Planungstiefe erfordert als konventionelle Bauweisen.
Wer mit Holzfertigteilen bauen möchte, muss die späteren Konstruktionsprinzipien bereits in frühen Entwurfsphasen berücksichtigen. Viele Entscheidungen der Leistungsphase 5 müssen faktisch bereits während der Leistungsphase 3 vorbereitet werden.
Für den GLOBAL HUB wurden deshalb frühzeitig feste Raster und Modulgrößen definiert. Die Hauptträger folgen einem Achsraster von 7,50 Metern. Die Fassadenmodule besitzen Abmessungen von 3,75 mal 7,50 Metern und wurden vollständig vorgefertigt angeliefert. Mit durchschnittlich sieben Fassadenelementen pro Woche konnte die Gebäudehülle zügig geschlossen werden.
Die Deckenkonstruktion besteht aus Holzbalkenlagen mit einem Raster von 1,25 Metern. Darauf wurden Betonfertigteile mit einer Breite von 2,50 Metern verlegt und durch einen rund zwölf Zentimeter starken Aufbeton ergänzt.
Ein zentrales Leitmotiv des Projekts ist die Ehrlichkeit der Konstruktion. Wo immer möglich, bleiben die tragenden Bauteile sichtbar.
Im Erdgeschoss wurde bewusst auf Unterzüge verzichtet. Dadurch entstehen nicht nur großzügige Raumwirkungen, sondern auch erhebliche Vorteile für die technische Gebäudeausrüstung, die ohne aufwendige Umführungen geführt werden kann.
Die sichtbaren Baubuche-Stützen sowie die Holzträger prägen die Atmosphäre des Gebäudes und vermitteln die konstruktive Logik unmittelbar an die Nutzenden.
Neben den Vorteilen wurden auch die Grenzen moderner Holzbauweisen offen diskutiert.
Insbesondere Forschungs- und Laborgebäude stellen hohe Anforderungen an Schwingungsverhalten und Steifigkeit. Rein aus Holz errichtete Tragwerke stoßen hierbei teilweise an ihre Grenzen, da empfindliche Messgeräte und technische Einrichtungen nur sehr geringe Schwingungen tolerieren.
Der GLOBAL HUB zeigt daher keinen dogmatischen, sondern einen pragmatischen Umgang mit dem Baustoff. Holz wird dort eingesetzt, wo seine Eigenschaften Vorteile bieten. Wo technische Anforderungen andere Lösungen erfordern, kommen Beton oder hybride Konstruktionen zum Einsatz.
Ein weiterer wichtiger Aspekt war der Brandschutz. Die Referenten erläuterten, dass die Bemessung der tragenden Holzkonstruktion so erfolgt, dass die Tragfähigkeit der Holzbauteile im Brandfall unabhängig von der darüberliegenden Betonschicht nachgewiesen werden muss. Die eingesetzten Verbindungsmittel und die Ausbildung der Anschlüsse spielen dabei eine entscheidende Rolle.
Eine besonders interessante Diskussion entwickelte sich um die Frage der Wiederverwendbarkeit von Bauteilen.
Die eingesetzten Vollgewindeschrauben verbinden die Holzbauteile dauerhaft miteinander. Durch die Reibungswärme beim Einbau entstehen lokal starke Verdichtungen und Verhärtungen im Holz. Zwar können die Verbindungen theoretisch wieder gelöst werden, die praktische Wiederverwendung der Bauteile erscheint jedoch schwierig. Insbesondere die Unsicherheit über verbleibende Verbindungsmittel stellt für spätere Bearbeitungen in Sägewerken oder Zimmereien ein erhebliches Problem dar.
Auch die Gründung wurde unter dem Aspekt zukünftiger Generationen diskutiert. Kritisch betrachtet wurden dauerhaft im Boden verbleibende Bohrpfähle. Alternative Systeme wie Spundwände oder Berliner Verbau könnten unter Rückbau- und Kreislaufgesichtspunkten langfristig Vorteile bieten, da sie nach Abschluss der Baumaßnahme wieder entfernt werden können.
Die Diskussion zeigte eindrucksvoll, dass Nachhaltigkeit nicht allein eine Frage der Materialwahl ist, sondern zunehmend den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes umfasst – von der Herstellung über die Nutzung bis hin zu Rückbau und Wiederverwendung.
Ein weiterer praxisnaher Aspekt betraf den Bauablauf. Holz benötigt während der Montage besonderen Schutz vor Feuchtigkeit. Entweder muss die Konstruktion sehr schnell geschlossen werden oder es sind aufwendige Schutzmaßnahmen wie Gerüstdächer erforderlich.
Die industrielle Vorfertigung der Fassaden- und Deckenelemente ermöglichte beim GLOBAL HUB eine hohe Baugeschwindigkeit und reduzierte damit die Risiken für die Holzkonstruktion erheblich. Die Fassadenelemente wurden vollständig vorgefertigt angeliefert und unmittelbar montiert. Dadurch konnte der Baukörper Schritt für Schritt zügig wetterdicht hergestellt werden.
Auch die schwierigen Rahmenbedingungen des innerstädtischen Bauens wurden thematisiert. Für die Herstellung der Baugrube mussten Teile der historischen Gewölbestrukturen der ehemaligen Markthalle zurückgebaut werden. Nach Aussage der Referenten war dieser Eingriff bedauerlich, aus konstruktiven und bauablauftechnischen Gründen jedoch unvermeidbar.
Die Diskussion verdeutlichte den ständigen Spannungsbogen zwischen dem Erhalt historischer Substanz und den Anforderungen zeitgemäßer Forschungs- und Hochschulbauten. Gerade an einem so sensiblen Standort wie dem Wilhelm-Leuschner-Platz werden diese Zielkonflikte besonders sichtbar.
Der GLOBAL HUB ist weit mehr als ein weiterer Hochschulbau. Das Projekt verbindet Forschungsarchitektur, städtebauliche Entwicklung und moderne Holz-Hybridbauweise auf bemerkenswerte Weise.
Besonders eindrucksvoll war die Offenheit, mit der die Referenten nicht nur die Stärken, sondern auch die Grenzen des Holzbaus, die Herausforderungen industrieller Vorfertigung und die Fragen zukünftiger Kreislaufwirtschaft diskutierten.
Für die Teilnehmenden bot die Veranstaltung einen seltenen Einblick in die komplexe Realität eines anspruchsvollen Forschungsbaus – von der städtebaulichen Idee über die Tragwerksplanung bis hin zu Fragen des späteren Rückbaus.
Der GLOBAL HUB zeigt beispielhaft, wie Architektur, Ingenieurbau und Forschung gemeinsam neue Wege für das Bauen der Zukunft entwickeln können. Gleichzeitig macht das Projekt deutlich, dass Innovation nicht allein durch neue Materialien entsteht, sondern durch das intelligente Zusammenspiel von Bauherrschaft, Planung, Forschung und Ausführung. Gerade diese interdisziplinäre Zusammenarbeit war es, die während des Vortrags und der Baustellenbesichtigung immer wieder als wesentlicher Erfolgsfaktor sichtbar wurde.